Sabine Rolf im Gespräch mit Daniela Kaminski über Qualifizierung, Verkaufskultur und die Zukunft von Re-Use
Daniela Kaminski gehört zu den Menschen, die die deutsche Secondhand- und Re-Use-Szene seit Jahrzehnten mitprägen. Bereits in den 1990er Jahren gründete sie ein Netzwerk für Re-Use-Läden, gab die Fachzeitung Secondhand aktuell heraus und führte selbst einen Secondhandladen. Heute arbeitet sie als Referentin für Verkaufstrainings, Kommunikation und Führung – sowohl im Re-Use-Bereich als auch im Coaching mit Pferden.
Denn neben ihrer Arbeit im Secondhand-Sektor hat Daniela Kaminski einen Coachingbetrieb mit Pferden aufgebaut. Auf den ersten Blick wirken diese beiden Bereiche unterschiedlich – für sie gehören sie jedoch eng zusammen.
„Bei den Pferden geht es um klare und authentische Kommunikation. Und genau darum geht es auch im Verkauf und in der Führung“, sagt sie. „Ich kann nicht klar sein, wenn ich nicht authentisch bin.“
Sabine Rolf von Re-Use Deutschland e.V. sprach mit ihr über Verkaufskultur, Qualifizierung und die Zukunft von Re-Use-Kaufhäusern.
„Wer Secondhand verkaufen kann, kann alles verkaufen“
Sabine Rolf:
Daniela, du arbeitest seit vielen Jahren im Re-Use-Bereich und qualifizierst Mitarbeitende in Secondhand- und Sozialkaufhäusern. Was macht den Verkauf dort eigentlich so besonders?
Daniela Kaminski:
Secondhand-Verkauf ist wesentlich anspruchsvoller als klassischer Einzelhandel. Ich sage immer: Wer Secondhand verkaufen kann, kann alles verkaufen. Denn ich kann nicht einfach sagen: „Die Jeans bestellen wir morgen noch einmal in einer anderen Größe.“ Ich muss mit dem arbeiten, was da ist. Deshalb ist das Wichtigste im Verkaufsgespräch: gute Fragen stellen und wirklich verstehen, was die Kundin oder der Kunde eigentlich sucht.
Ich erzähle dazu oft ein Beispiel aus meinem eigenen Leben. Ich brauchte einmal dringend ein Outfit für eine Rede und war überzeugt, dass ich unbedingt einen Hosenanzug brauche. Die Verkäuferin fragte mich dann: „Wofür brauchen Sie das eigentlich?“ Und plötzlich stellte sich heraus, dass ein ganz anderes Outfit viel besser zu mir passte. Darauf wäre ich allein nie gekommen. Genau darum geht es: in Beziehung gehen und wirklich zuhören.
Beziehung statt bloßer Verkauf
Sabine Rolf:
Das klingt nach einer ganz besonderen Form von Kundenkontakt.
Daniela Kaminski:
Ja, absolut. Es geht um Beziehungen und um Kundenbindung. Menschen kommen dorthin zurück, wo sie sich willkommen fühlen. Das kennen wir alle – etwa vom Friseur oder aus kleinen Geschäften im Viertel. Dort geht es nicht nur um die Dienstleistung, sondern auch darum, gesehen zu werden.
Natürlich gibt es im Alltag auch schwierige Situationen: Preisverhandlungen, Sprachbarrieren oder manchmal ein rauer Ton. Da hilft es, nicht alles persönlich zu nehmen und sich zu fragen: Was möchte mein Gegenüber eigentlich ausdrücken? Diese Perspektive schützt auch die Mitarbeitenden selbst.
Vom Secondhandladen zur Trainerin und Coachin
Daniela Kaminski begleitet die Entwicklungen der Branche seit über drei Jahrzehnten. Sie beobachtet den Wandel aufmerksam – manchmal mit Freude, manchmal kritisch. Besonders wichtig ist ihr, dass das Wissen der Mitarbeitenden sichtbar wird und nicht verloren geht.
Ihre heutigen Seminare finden überwiegend online statt – bewusst in kleinen Gruppen. Dort geht es nicht nur um Fachwissen, sondern auch um Austausch, Selbstvertrauen und persönliche Erfahrungen.
„Das Wissen sitzt in den Köpfen der Betriebe“, sagt sie. „Und oft fängt trotzdem jeder wieder von vorne an.“
Die Verbindung zu ihrer Coachingarbeit mit Pferden zeigt sich auch in ihrer Seminararbeit: Kommunikation, Klarheit und Selbstbewusstsein spielen eine zentrale Rolle. Viele Übungen gestaltet sie spielerisch – etwa mit Rollenspielen oder simulierten Verkaufsgesprächen. Ziel ist es, Sicherheit zu gewinnen und die eigene Kompetenz wahrzunehmen.
„Mir ist wichtig, dass die Menschen erleben: Ich bin kompetent. Ich leiste gesellschaftlich sinnvolle Arbeit.“
„Sozialkaufhaus“ – ein schwieriger Begriff
Sabine Rolf:
Du sprichst oft darüber, dass der Begriff „Sozialkaufhaus“ problematisch sein kann.
Daniela Kaminski:
Ja, weil er häufig unterschwellig vermittelt: Das hier ist irgendwie weniger wert als normaler Einzelhandel. Das betrifft nicht nur die Kundschaft, sondern auch die Mitarbeitenden. Viele werden nicht als qualifiziertes Verkaufspersonal wahrgenommen, sondern eher als „Maßnahmekräfte“.
Dabei hat sich der Markt enorm verändert. Nachhaltigkeit ist heute für viele Menschen ein wichtiger Kaufgrund. Vor einigen Jahren war Secondhand vor allem wegen des Preises interessant. Heute steht Nachhaltigkeit oft auf Augenhöhe mit dem Preisvorteil.
Deshalb wünsche ich mir, dass sich die Branche stärker als Teil einer modernen Re-Use- und Nachhaltigkeitskultur versteht – nicht nur als soziale Einrichtung. Das stärkt auch den Stolz der Mitarbeitenden auf ihre Arbeit.
Schwierige Situationen professionell meistern
Zu den Themen in Kaminskis Seminaren gehören auch Konflikte im Arbeitsalltag: schwierige Kundengespräche, Warenannahme oder Diebstahl.
Besonders wichtig ist ihr dabei, dass Mitarbeitende Sicherheit bekommen und sich nicht allein gelassen fühlen.
„Niemand muss den Laden retten“, sagt sie. „Sicherheit geht vor.“
Gerade bei Konflikten oder Verdachtsfällen brauche es klare Abläufe, Teamgeist und eine gute Kommunikation innerhalb der Betriebe. Humor und gegenseitige Unterstützung seien dabei oft ebenso wichtig wie fachliche Regeln.
Die große Chance der Regionalität
Mit Sorge blickt Daniela Kaminski auf die zunehmende Konzentration großer Konzerne im Secondhand-Markt. Gleichzeitig sieht sie darin auch einen Auftrag für kleine und regionale Re-Use-Betriebe.
„Regionalität ist unsere große Stärke“, sagt sie. „Kurze Wege, lokale Kreisläufe und Arbeitsplätze vor Ort – das ist echte Nachhaltigkeit.“
Sie wünscht sich deshalb, dass sich die Branche selbstbewusst als Teil einer zukünftigen Re-Use-Gesellschaft versteht.
„Wir haben noch längst nicht alle Menschen erreicht“, sagt sie. „Aber genau darin liegt das Potenzial.“
Interview: Sabine Rolf, Re-Use Deutschland e.V.
Gesprächspartnerin: Daniela Kaminski


